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2012-04-18

Das Problem mit dem Terrorismus

Preface for English readers: This is a straight translation of an article on Bruce Schneier's blog, so you can just head over there.

Vorbemerkung

Der folgende Artikel stammt von Bruce Schneier, renommierter amerikanischer Autor und Sicherheitsspezialist. Ich habe ihn übersetzt, weil es einfach nicht genug leicht zugängliches Material von ihm gibt, was man auch mal monolingualen nicht-Nerds zeigen könnte.

Der Artikel entstand als Abschlussaussage einer dreiteiligen Diskussion auf der Webseite des britischen Magazins "The Economist" zwischen Schneier und Kip Hawley, langjähriger Leiter der amerikanischen Transport Security Administration. Dieser Text betrachtet Spezifisches wie Grundsätzliches zu der Entwicklung in der Welt seit dem 11. September 2001. Die beschriebenen Trends und die Lehre, die man daraus ziehen kann, finden sich in vielen andere Bereiche unseres täglichen Lebens wieder: Ersetzt man Flughafensicherheit durch Netzpolitik und Terrorismus durch Kindesmissbrauch (oder ein anderes Feindbild-of-the-day), ist die Kernaussage immer noch erschreckend zutreffend.

Die Übersetzung entstand übrigens lange bevor diese ganze Breivik-Klamotte in die Medien geriet, aber dort kann man gerade live die ganzen Mechanismen beobachten. Wohlgemerkt, das war ein ein Fall, bei dem ausnahmsweise nicht überreagiert wurde. Man stelle sich sowas in Deutschland oder Amerika vor...

Harms of Post-9/11 Airline Security

In meinen vorigen beiden Diskussionsbeiträgen habe ich zwei wesentliche Behauptungen über die Flughafensicherheit seit dem 11. September angeführt. Zum einen machen wir nicht das Richtige: Dass wir uns auf Flughäfen konzentrieren anstatt die Gefahr allgemeiner zu betrachten, macht uns nicht sicherer. Zum anderen machen wir das, was wir machen, falsch: Die konkret seit dem 11. September eingeführten Maßnahmen funktionieren nicht. Kip Hawley erwidert meine Argumente nicht direkt, sondern führt anekdotische Beispiele an und verlangt von uns, darauf zu vertrauen, dass die Flughafensicherheitsbehörden allgemein und speziell die Transport Security Administration (TSA) schon wissen, was sie tun.

Er will, dass wir glauben, eine 400ml-Flasche einer Flüssigkeit sei gefährlich, aber das Aufteilen in vier 100ml-Flaschen mache alles auf magische Weise sicher. Er will, dass wir glauben, dass die Buttermesser, die Passagiere in der ersten Klasse bekommen, dennoch zu gefährlich sind, um sie durch eine Flughafenkontrolle mitzunhmen. Er will, dass wir der "No-Fly"-Liste trauen, einer Liste von 21.000 Menschen, die so gefährlich sein sollen, dass man sie nicht in ein Flugzeug lassen darf, die jedoch so unschuldig sind, dass man sie nicht verhaften kann. Er will, dass wir glauben, dass die Einführung von teuren Nacktscannern rein gar nichts mit dem Umstand zu tun hat, dass der ehemalige Sekretär der amerikanischen Homeland Security, Michael Chertoff, für eine der Firmen, die sie herstellen, Lobbyismus betreibt. Er will, dass wir glauben, dass es einen Grund gibt, einen Muffin (Las Vegas), eine 10cm-Spielzeugpistole (London Gatwick), ein Portemonnaie mit einem aufgestickten Pistolenmotiv (Norfolk, Virginia), ein T-Shirt mit einem Bild eines Gewehres (London Heathrow) und ein Plastik-Lichtschwert, eigentlich nur eine Taschenlampe mit einem Plastikkegel davor (Dallas/Fort Worth), zu konfiszieren.

Nach so einer Entwicklung vertrauen wir der amerikanischen TSA nicht mehr, oder dem britischen Department for Transport, oder Flughafensicherheitsbehörden allgemein. Wir glauben nicht, dass sie im Interesse der Passagiere handeln. Wir vermuten, dass diese Maßnahmen das Ergebnis von Politikern und Verwaltungsangestellten sind, die Angst haben, dass ihre Karriere in Gefahr gerät, wenn sie nicht hart gegen den Terror durchgreifen, und die dem öffentlichen Verlangen nachgeben, man müsse doch irgendetwas unternehmen.

Ich habe versprochen, in dieser Abschlussaussage die allgemeineren Konsequenzen aus den Sicherheitsmaßnahmen seit dem 11. September zu erläutern. Der Vertrauensverlust -- in Flughafensicherheit und Anti-Terrormaßnahmen allgemein -- ist die erste Konsequenz. Vertrauen ist elementar für eine Gesellschaft. Es gibt enorme Mengen Literatur über dieses Thema; in Gesellschaften mit viel Vertrauen herrscht mehr Zufriedenheit und Wohlstand als in solchen mit wenig Vertrauen. Vertrauen ist essentiell für freie Marktwirtschaft wie für die Demokratie. Darum sind Informationsfreiheitsgesetze so wichtig; Vertrauen setzt transparente Regierungstätigkeit voraus. Die Geheimhaltungsbestrebungen in der Flughafensicherheit schaden der Gesellschaft gerade wegen der Geheimhaltung.

Die Erniedrigungen, die Entmenschlichung und die Verletzungen der Privatsphäre sind ebenfalls solche Konsequenzen. Dass Mr. Hawley diese lediglich als "Bequemlichkeitskosten" abschreibt, zeigt wie sehr die TSA von den Menschen distanziert ist, die sie angeblich schützt. Dazu kommen reale, physische Schäden: Die Strahlung von Nacktscannern wurde immer noch nicht öffentlich auf ihr Gefahrenpotential untersucht; dazu kommt die psychische Beeinträchtigung von Missbrauchsopfern und Kindern: Was die Sicherheitsbeamten ihnen bei den Leibesvisitationen sagen, ähneln sehr den Dingen, die Kinderschänder sagen.

Im Jahr 2004 betrug die zusätzliche Wartezeit wegen der TSA-Prozeduren 19,5 Minuten pro Person. Das ist ein wirtschaftlicher Gesamtverlust von 10 Milliarden US-Dollar pro Jahr, nur in Amerika, mehr als das ganze Budget der TSA. Die Zahl der Verkehrstoten, die durch den Wechsel vom Flugzeug auf das Auto wegen dieser Maßnahmen entstanden, beträgt 500 pro Jahr. Beide Zahlen beziehen sich nur auf Amerika, und sie alleine demonstrieren schon, dass die eingeführten Sicherheitsmaßnahmen mehr Schaden angerichtet als verhindert haben.

Die aktuellen Maßnahmen bewirken aber einen noch größeren Schaden: Verlust der persönlichen Freiheit. Flughäfen sind im Prinzip rechtsfreie Räume. Sicherheitsbeamte haben enorme Macht über die Passagiere. Man hat nur eingeschränkte Rechte, einer Untersuchung zu widersprechen. Besitztümer können konfisziert werden. Man darf keine Witze machen oder Kleidung tragen, die die Sicherheitsbehörden vor Ort nicht befürworten. Man kann nicht mehr anonym reisen. (Wer erinnert sich noch an die überzeichnte Darstellung von "Papiere, bitte!"-Gesellschaften sowietischen Stils? Dass wir uns so sehr daran gewöhnt haben ist so ein Schaden [Footnote: Und dass dieses Beispiel in der deutschen Übersetzung nicht halb so schockierend wirkt, sagt ein übriges.].) Und wenn man auf einer bestimmten, geheimen Liste steht, kann man keine Flugreisen mehr unternehmen und man betritt eine kafkaeske Welt, wo man seinen Ankläger nicht sehen, seine Unschuld nicht verteidigen, seinen Namen nicht reinwaschen oder auch nur eine offizielle Bestätigung erhalten kann, dass irgendwo irgendwer einen für Schuldig befunden hat. Diese Art der Polizeigewalt wäre überall anders rechtswidrig, und wir alle werden dadurch geschädigt, individuell wie kollektiv.

In seiner Eröffnungsaussage führte Kip Hawley ein Zitat an, das ein Blutbad in den Gängen voraussagte, wenn man kleine Scheren und Messer an Bord erlauben würde. Das wurde 2005 von Corey Caldwell gesagt, Sprecher der Association of Flight Attendants. Es war nicht die Aussage eines Menschen, der sachlich über Flughafensicherheit nachdenkt; es war die Stimme irrationaler Angst.

Vermehrte Angst ist die letzte Konsequenz, und ihre Auswirkungen sind emotional wie physisch. Durch das Säen von Misstrauen, durch das Abschaffen von Privatsphäre -- und oft auch der Menschenwürde -- durch das Verwehren unserer Rechte, durch das Einführen willkürlicher und irrationaler Regeln und durch die gebetsmühlenartigen Behauptungen, all dies sei das Einzige, was zwischen uns und dem Tod durch Terroristenhand stünde, säen die TSA und ihresgleichen Angst. Indem sie dies tun, spielen sie den Terroristen direkt in die Hände.

Das Ziel von Terroristen ist nicht das Sprengen von Flugzeugen, noch nicht einmal das Töten von Menschen; das Ziel von Terroristen ist es, Terror, also Angst und Schrecken, zu verbreiten. Flüssige Sprengstoffe, PETN/Nitropenta, Flugzeuge als Raketen: Dies alles sind Taktiken, Angst und Schrecken zu verbreiten, indem man Unschuldige tötet. Aber die Macht von Terroristen ist begrenzt. Sie können uns unsere Freiheit nicht nehmen. Sie können unsere Unabhängigkeit nicht verringern. Sie können für sich alleine gar nicht so viel Angst erzeugen. Es ist unser Umgang mit dem Terrorismus, der entscheidet, ob ihre Aktionen letztendlich Erfolg haben werden. Dass wir unseren Regierungen erlauben, diese Dinge mit uns zu machen -- gewissermaßen den Terroristen die Arbeit abzunehmen -- ist die schlimmste Konsequenz von allen.

Bringt Flughafenkontrollen auf den Stand von 2001 zurück. Schafft alles ab, was nicht benötigt wird, um Amateurterrorismus zu bekämpfen und gegen professionelle Al-Qaida-Pläne nicht wirkt. Nehmt die dadurch erzielten Ersparnisse und investiert sie in Ermittlung, Aufklärung und Katastrophenschutz: Sicherheit außerhalb von Flughäfen, Sicherheitsmaßnahmen, die nicht voraussetzen, dass wir Taktiken erraten müssen. Erkennt an, dass hundertprozentige Sicherheit unmöglich ist und dass Terrorismus keine existenzbedrohende Gefahr für unsere Gesellschaft ist. Reagiert auf Terrorismus nicht mit Angst, sondern mit Unbeugsamkeit. Weigert euch, terrorisiert zu werden.

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